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Nutzerorientierung der Verwaltung

Bürgernetzwerk Bensheim: Verwaltungsexpertin Julia Borggräfe zu Gast: „Nutzerorientierung ist entscheidend für Akzeptanz und gute Entscheidungen“

Beim monatlichen Jour fixe des Bürgernetzwerks Bensheim war die Verwaltungsexpertin und Buchautorin Julia Borggräfe zu Gast. In ihrem vielbeachteten Buch „Bürokratopia“ beschreibt sie eindrücklich, wie bürokratische Abläufe in Verwaltungen häufig an den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger vorbeigehen – und welche Wege es gibt, dies zu ändern. Borggräfe, die viele Jahre in verschiedenen Verwaltungen tätig war, zuletzt als Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, betonte in ihrem Vortrag, dass Praxiswissen und Nutzerperspektiven viel zu selten in politische Entscheidungsprozesse einfließen. „Oft werden Entscheidungen bereits getroffen, bevor Betroffene überhaupt gehört werden“, sagte sie. Das führe dazu, dass Änderungsvorschläge später als Kritik oder Gesichtsverlust empfunden und parteipolitisch statt sachlich diskutiert würden. Ein weiteres Problem sieht Borggräfe darin, dass in Abstimmungsprozessen häufig alle umstrittenen Punkte gestrichen werden – bis nur noch ein Minimal-Kompromiss übrigbleibt, der die eigentlichen Ziele kaum noch erreicht. „Diese Mechanismen sind bekannt, auch innerhalb der Verwaltungen wird derzeit intensiv darüber diskutiert, wie man Entscheidungsprozesse besser organisieren kann“, so Borggräfe. In der anschließenden Diskussion des Bürgernetzwerks wurde deutlich, dass es nicht nur strukturelle, sondern auch kulturelle Hürden für mehr Beteiligung gibt. Viele Entscheiderinnen und Entscheider sähen ihre Macht gefährdet, es fehlten Anreize, Probleme wirklich zu lösen, und parteipolitische Logiken stünden oft einer sachlichen Debatte im Weg. Borggräfe plädierte daher für mehr gemeinsame Arbeitsprozesse zwischen Politik, Verwaltung und Bürgerschaft. Betroffene sollten bereits vor der Erarbeitung von Entscheidungsvorlagen gehört werden. In sogenannten „Co-Creation-Prozessen“ könnten alle Beteiligten gemeinsam Lösungen entwickeln und Konflikte frühzeitig klären. „Dafür braucht es keine Gesetzesänderung“, betonte sie. „Jede Verwaltung und jedes Parlament kann das sofort umsetzen – und die Qualität der Entscheidungen würde spürbar steigen.“ Gleichzeitig räumte sie ein, dass derartige Verfahren Zeit, Vertrauen und Übung erfordern. Skepsis gebe es auf beiden Seiten: Politiker:innen und Verwaltungsmitarbeitende fürchteten Kontrollverlust, während Teile der Bürgerschaft Beteiligungsprozesse als zu langwierig oder wirkungslos erlebten. Trotz dieser Herausforderungen zeigte sich das Bürgernetzwerk Bensheim überzeugt, dass neue Formen der Zusammenarbeit entscheidend für eine moderne, bürgernahe Demokratie sind. Für die anstehende Kommunalwahl plant das Netzwerk daher, die Parteien und Kandidatinnen und Kandidaten zu befragen, wie sie künftig mit diesen Herausforderungen umgehen wollen. Verantwortlich: Hans-Peter Meister, Weiherstrasse 7, 64625 Bensheim