Stadtrundgänge

Stadtrundgänge

Ortsbegehung mit Schwerpunkt Ecken, Plätze und Brunnen

Stadtrundgang mit Augenmerk auf Plätze und ihrer Bedeutung fürs Gesamtbild

„Das sieht ärmlich aus“, sagt Harald Heußer. Der Wahl-Bensheimer kennt sich aus. Der Diplom-Ingenieur  und Architekt war 28 Jahre lang beim Hochbauamt der Stadt Frankfurt beschäftigt, zuletzt als Projektleiter für das neue Historische Museum am Römerberg. Im Januar rückt er an die Spitze des Heidelberger Hochbauamts.

Wenn Heußer zur oberen Fußgängerzone nur wenig schmeichelhafte Attribute einfallen, dann meint er vor allem das „furchtbare Betonpflaster: Das muss raus!“ So, wie sich dieser Bereich aktuell darstellt, fehle „jegliche Basis, um Investoren zu gewinnen: Der öffentliche  Raum wird stiefmütterlich behandelt“, beklagt Heußer.

Sein Kollege Sanjin Maracic sieht das genauso. Auch er ist Diplom-Ingenieur und Architekt, mit eigenem Büro in Bensheim, seiner Geburts- und Heimatstadt. Im Bürgerforum zur Zukunft der Innenstadt kümmert sich Maracic vor allem um die städtebaulichen Rahmenbedingungen für ein pulsierendes Zentrum. Bei einer Ortsbegehung lenkte er ein besonderes Augenmerk auf die kleinen und größeren Plätze. Als Fixpunkte für das immer wieder angemahnte städtebauliche Gesamtkonzept hat er – natürlich! – den Marktplatz und (auf den ersten Blick vielleicht überraschender) den Beauner Platz ausgemacht. Letzterer ist eigentlich gar kein Platz, sondern eine „Freifläche“, wie ein Teilnehmer des Rundgangs bemerkte. Für den Platzcharakter fehlen die baulichen Abgrenzungen.

In den Augen von Sanjin Maracic fängt der Bereich, den es zu betrachten gilt, am Hoffart-Gelände (von der B 3 bis zum Parktheater) an und hört am Rinnentor auf. Mittendrin steht das Neumarkt-Center „als Kern des Problems“. Bevor große Teile weiter leer stehen, soll die Stadt dort notfalls selbst als Mieter auftreten, lautete ein Vorschlag.

Einig ist man sich im Bürgernetzwerk: Es bietet sich die Riesenchance, die Innenstadt fit zu machen für die Zukunft. Dazu, mahnt Maracic, bedarf es wertiger Bauten und guter Nutzungskonzepte, „damit Menschen gerne hier verweilen“.

Die ersten Ideen im Einzelnen:

• Bahnhofsvorplatz, östlich der B 3: Die Sparkassen-Erweiterung bringt für Maracic per se eine deutliche Aufwertung – zumal der Komplex nicht an der Fassade aufhört. Die Pflanztöpfe in Terrakotta-Imitat-Optik auf dem Vorplatz sollen verschwinden. Besser wäre eine „Bepflanzung im Pflaster“ – und der eine oder andere schattenspendende Baum. „Wasser wäre auch schön“, gab eine Teilnehmerin am Rundgang zu Protokoll. Bei der umgebenden Bebauung ist ein abgestimmtes Farbkonzept für freundlichere Fassaden wünschenswert. „Es lässt sich mit wenig Aufwand viel für das Stadtbild erreichen“, wünscht sich Maracic eine offensive professionelle Beratung der privaten Immobilieneigentümer. Die Fußgänger-Unterführung zum Bahnhof schreit für ihn nach einer anderen Beleuchtung und aufgepeppten Wänden.

• Beauner Platz: „Wir müssen hier wieder Leben hinkriegen“, erinnert sich Maracic an frühere Zeiten. Auf keinen Fall dürfe der Platz „zugebaut“ werden. Ansatzpunkte sind stattdessen: Mikrogastronomie, mehr Grün, vielleicht ein Boule-Platz, weitere Ecken für sportliche Betätigung – zum Beispiel ein Basketballkorb, wie Harry Hegenbarth in einer Arbeitsgruppe anregte. Auf jeden Fall müsse Wasser sprudeln, ein „wichtiger Aspekt für Lebensqualität“, wie eine Teilnehmerin des Rundgangs, Ärztin von Beruf, findet.

Der Rummelplatz soll nicht geopfert, es soll ihm aber auch nicht „alles untergeordnet“ werden. Technisch sei es kein Problem, die verschiedenen Aspekte unter einen Hut zu bringen; man müsse es nur wollen.

Ohne eine sinnvolle Nutzung des Neumarkt-Centers bleiben aber die besten Ideen Stückwerk, war die einhellige Meinung. Favorisiert wird unter anderem ein Lebensmittelmarkt. Ins Gespräch gebracht wurde auch ein Indoor-Spielplatz, eventuell in Kombination mit dem Familienzentrum.

Ob das Neumarkt-Center aus seinem Dornröschenschlaf geküsst werden kann, hängt nicht zuletzt vom städtebaulichen Umfeld ab – von der B 3 bis zum Rinnentor. Hierfür wünscht sich das Bürgernetzwerk ein stimmiges Konzept und einen Zeithorizont für die einzelnen Schritte.

• Platz vor dem Parktheater: Auch hier plädiert Maracic dafür, die einzelnen Baustellen ganzheitlich zu betrachten. Seine Vision: Der Dalberger Hof für Hochzeiten, Feste und Bankette. Das Bürgerhaus als multifunktionales Kongresszentrum. Auf dem Hoffart-Gelände ein Hotel als zentrales Element für die gastronomische, gesellschaftliche und kulturelle Auslastung des Gesamt-Ensembles. Maracic spricht von einer Win-win-Situation mit symbiotischen Effekten – erst recht, wenn alle Objekte von einem Pächter vermarktet werden. „Ladengeschäfte funktionieren an der Bundesstraße nicht“, ist die Forumsrunde überzeugt.

• Obere Fußgängerzone: Der Nibelungenbrunnen sollte abgeräumt, die Fläche kreativ gestaltet werden – mit mehr Grün, möglicherweise Spielgeräten für die Kleinsten, einer ansprechenden Möblierung. An dieser Stelle könnte schnell und mit überschaubarem Kostenrahmen ein Signal gesetzt werden – ebenso auf der Nordseite des Kaufhauses Ganz entlang der Lauter. Die Begrenzungsmauer zum Bach sollte transparenter werden: zumindest an einigen Stellen Geländer statt Steinen und möglichst ein Zugang zum Wasser.

• Marktplatz: Er soll zum „Wohnzimmer von Bensheim“ aufgemöbelt werden. „Was wir mit dem Haus am Markt machen, hängt damit zusammen, was in und mit den drei Fachwerkhäusern an der Nordseite und dem ehemaligen Kaufhaus Krämer passiert“, warnt Maracic auch hier vor Schnellschüssen und nicht im Kontext gedachten Einzelmaßnahmen. Für die „Krämer“-Immobilie schwebt ihm im Erdgeschoss und im ersten OG ein Frischerestaurant à la L’Osteria oder Vapiano vor. In den oberen Geschossen sollten Stadtwohnungen entstehen.Im heruntergekommenen Fachwerk-Ensemble wünscht sich Maracic zur Hauptstraße hin eine Weinstube, im mittleren Gebäude die Tourist-Info und am oberen Ende ein Geschäft mit Produkten und Souvenirs aus der Region. Im Haus am Markt selbst dränge sich die geplante gastronomische Nutzung auf.

Ansonsten gilt, wie überall: Am Anfang steht immer ein ganzheitliches, flexibles Nutzungskonzept, ohne sich von einzelnen Mietern abhängig zu machen. An die Kommunalpolitik geht der Appell, lieber noch mal auf die Bremse zu treten, als vollendete Tatsachen zu schaffen, durch die bessere Lösungen erschwert bis unmöglich werden.

„Der Marktplatz ist für alle da.“ Und: „Es soll keine Zeit geben, wo die Innenstadt nicht belebt ist. Sie gehört uns allen“, fasste Sanjin Maracic nach dem zweistündigen Ideen- und Gedankenaustausch zusammen.

DIE LAUTER ERLEBEN

DIE LAUTER ERLEBEN

Eine Besonderheit von Bensheim, mit der nur wenige Städte punkten können, ist der offene Bachlauf der Lauter von der „Stadtmühle“ bis zum Rinnentor. Hier verfügt die Innenstadt über ein Kleinod, das wesentlich zur Aufenthaltsqualität beitragen kann. Dafür muss das Gewässer an geeigneten Stellen mit Abgängen und Bachquerungen zugänglich gemacht werden, damit für Groß und Klein, Jung und Alt Anziehungspunkte entstehen. Der Bachlauf bietet viele bisher ungenutzte Qualitäten, von denen Bensheims Zentrum enorm profitieren könnte. Das gilt sowohl für die Gastronomie als auch mit Blick auf Spielmöglichkeiten für Kinder in Begleitung Erwachsener. Ziel muss es sein, die Lauter erlebbar zu machen. Dazu gehören ein Bepflanzungs- und Beleuchtungskonzept für den gesamten Teilabschnitt.

Sein Konzept dafür hat das Bürgernetzwerk Ende Mai 2019 bei einem zweitätigen Lichtevent vorgestellt. Zur Erläuterung an Ort und Stelle bot der Sprecher der Architektengruppe des Bürgernetzwerks, Sanjin Maracic, eine seiner stets sehr gut besuchten Themen-Führungen in der Innenstadt an. Hier einige Bild-Impressionen:

EIN MASTERPLAN FÜR DIE BENSHEIMER INNENSTADT

EIN MASTERPLAN FÜR DIE BENSHEIMER INNENSTADT

Stadtplanung muss ganzheitlich erfolgen.

Ganzheitlich – was heißt das? Die Vokabel ist überstrapaziert. Sie ist so richtig wie inhaltsleer. Denn die wenigsten haben eine konkrete Vorstellung davon, was gemeint ist.

Ganzheitlich planen und Stück für Stück nach und nach umsetzen: Die Architektengruppe des Bürgernetzwerks unter Leitung von Sanjin Maracic hat in vielen Sitzungen, nach einer Reihe von Ortsbegehungen und ungezählten Gesprächen mit Beteiligten, Experten und interessierten Bürgerinnen und Bürgern einen Masterplan für die Innenstadt erstellt. Er beschreibt die Rahmenbedingungen, die geschaffen werden sollen, damit Bensheims Mitte ihre Anziehungskraft behält. Dabei geht es um mehr als Fassaden- und Platzgestaltungen. Ausgangspunkt aller Überlegungen ist die Frage nach dem Warum eine Investition sinnvoll, in vielen Fällen sogar zwingend notwendig ist. Anders formuliert: Nutzung und Gestaltung sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie bedingen einander.

Die  Roadmap  für das vom Bürgernetzwerk zur Diskussion gestellte Nutzungs- und Gestaltungskonzept für die Innenstadt orientiert sich an drei Achsen, die Bensheims historischen Kern prägen: die Hauptstraße  von Süd nach Nord, die Bahnhofstraße von West nach Ost und – als unterschätztes Kleinod – die Lauter, die zusammen mit den markanten Plätzen und verträumten Winkeln wesentlich den Charme der Innenstadt ausmacht.

Ein Mausklick nur – und Sie befinden sich am Ausgangspunkt zu einer Stadtführung der besonderen Art: mit 18 Stationen im Reich der Ideen, in dem nichts in Stein gemeißelt, sondern alles den Streit der Edlen wert ist. Der „Masterplan“ will Denkanstöße geben. Lassen Sie sich inspirieren. Ihre Meinung ist uns wichtig. Denn „Bauherr“ sind die Bürgerinnen und Bürger – und Gremien nur deren Sachwalter.

Die Details zum Masterplan Innenstadt finden Sie hier